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Alpenverein Trier


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Tourenberichte

 

Große Reibn

Am 21. Februar ging unsere Anreise zum Parkplatz Hinterbrand bei Schönau am Königssee wo, wir zur „Großen Reiben“, einer der gewaltigsten und begehrtesten Skitouren der Ostalpen starten wollten. Wir entschieden uns eines unserer zwei Autos über die gesamte Tourenzeit hier stehen zu lassen. Vor dem Start drehten wir noch ein paar Runden und klapperten die Gasthäuser ab, da wir nicht ausreichend Kleingeld für den Parkplatz-Automaten bei uns hatten. Das Auto von Silvio stellten wir zuvor am Parkplatz bei unserem geplanten Ziel, neben der Wimbachbrücke ab. Es folgte der Aufstieg zum Carl-von-Stahlhaus bei Schneefall und bewölkter Sicht. Es ging gleich steil zur Sache und das war gut als Einstimmung, darüber waren Silvio und ich uns einig, obgleich die Rucksäcke knapp 20kg auf die Waage brachten. Die letzte bewirtschaftete Hütte gibt es planmäßig mit dem Stahlhaus und dann bis zum Ziel war Selbstverpflegung angesagt. Geplant war für bis zu 4 Tage und diesmal auf Nummer sicher da es bereits unser zweiter Anlauf war. Auch wenn die Tour mit 2 Tagen bemessen ist, und die Rekorde bei 12 Stunden herum liegen. Es war uns aber bewusst dass Hochwinter war, das Wetterfenster sich verschoben hatte und etwas Neuschnee dazu kam. Wir stampften durch den klebrig nassen Schnee an der Baustelle der Jennerbahn, Bergstation Mitterkaseralm vorbei zum Stahlhaus. Ab der Alm wurde es dunkel und bei nicht allzu weiter Sicht ließen wir die letzten Geräusche der Baustelle und das trübe Scheinwerferlicht in der Dunkelheit und im Schneefall hinter uns. Sofort stand die erste Gams vor uns im Gelände und lies sich weder von uns noch dem Kegel unserer Stirnlampen erschrecken. Mein inneres Gefühl änderte sich ab hier, und ich war in der Tour angekommen, in der Stille, der Dunkelheit, dem Schneefall, dem wilden Gelände und nur wir 2 Eindringlinge im Revier der Gams.

Am Stahlhaus angekommen, haben wir gut gegessen und dann die letzte Zeit vor dem Schlafen damit verbracht die gesehenen Verhältnisse neu zu bewerten. Wetter, Lawinenlagebericht, Neuschneemengen, Zeit seit letztem vorherigen Schneefall, Ausrichtung der steilsten Passagen, Zufluchtstellen und Hütten(Wlan auf der Hütte). Wir wussten bereits dass es am überwiegenden Teil der Tour keinen Handyempfang gibt und wir daher immer auf Nummer sicher entscheiden müssen.

Der Plan nun war, morgen am Donnerstag bis zum Punkt der zeitlich letzten Umkehrmöglichkeit zu gehen, am Weg dorthin die Verhältnisse zu erfahren und eine Entscheidung aufzubereiten, ob wir bis zur Wasseralm weiter gehen. Alle Wegpunkte hatte ich schon vor Anreise im GPS gespeichert, sowie den Track der Tour mit den geringsten Wegpunktabständen den ich zum Download finden und ausprobiert hatte. Wir haben dem Hüttenwirt versprochen uns bei Ankunft am Tagesziel anzurufen, aber wenn nicht möglich spätestens nach 4 Tagen.

22.Feb. Do: Wir sind vom Stahlhaus gegen 7 Uhr mit Stirnlampen aufgebrochen. Die Verhältnisse waren wie am Vortag, -Nebel, Wolken, leichtes Schneerieseln. Die Sicht war daher lange Zeit nur 10m. Es gab keine Spur. Manchmal bildeten wir uns ein, eine alte zu sehen, allerdings auch nur in den niederen Lagen. Zeitweise und auch länger andauernd war der Nebel so dicht, dass die Sicht auf nur mehr 2m reicht und das über Stunden. Man konnte den Himmel nicht von Boden unterscheiden und wusste nicht ob man gleich über eine Wechte fällt oder gegen eine Schneewand läuft. Hier im unübersichtlichen Hagengebirge haben wir echt viel Zeit gebraucht. Sind rein im Blindflug nach GPS gegangen, auf kleinstem Maßstab(12m) und haben alle 5 Schritte Korrektur geprüft. Glücklicherweise war der Schnee fast immer gut. An manchen Steillagen bei schlechter Sicht konnte man nur per Trittprüfung Triebschneeablagerungen erkennen oder andere Schneewechsel. Hier war es uns manchmal wegen der Lawinengefahr ganz schön bange zumute, aber haben immer auf größtmögliche Sicherheit entschieden. Diese Verhältnisse fanden wir rund um den mächtigen Kahlersberg und später auch neben dem Bühlbachkopf.

Das Spuren im Tiefschnee hat uns viel Zeit gekostet, bei den 20-50cm Neuschnee. Bis zur Langen Gass gab es durchgehend Tiefschnee ohne feste Trittoberfläche.


Um kurz vor 9 Uhr abends sind wir bei der Wasseralm angekommen. Die Felle blieben den ganzen Tag drauf. Meist gab es keine Sicht für eine Abfahrt und so sind wir auch abwärts entsprechend vorsichtig gegangen.

Der Abstecher zur Wasseralm sind zusätzliche 250hm runter, durch einen Wald mit meterhohen Schneebergen und Schneehöhlen, gebildet aus umgefallenen Bäumen und Wurzelstöcken. Die Abfahrt, hier mit Fellen, hatte seine Höhepunkte. An den Hütten der Wasseralm angekommen und nach einiger Zeit suchen haben wir den richtigen Eingang gefunden. Der Ofen wurde schön befeuert, der Schnee geschmolzen und nach guter Mahlzeit und Tee waren die Augen auch schon zu.

23.Feb. Fr: Am nächsten Tag waren die Knochen schwer. Die schweren Rucksäcke taten ihren Beitrag. Mich hatte ein paar mal der Rucksack überholt und anschließend mitgerissen, als die Skier im Tiefschnee bergab Stecken blieben. Mit dem gefühlten Bleigewicht eng verbunden und am Rücken bergab im Hang liegend, war aufstehen mit jedem weiteren Male eine kraftraubenden Qual, da die Hände samt breit liegenden Stöcken im feinsten Tiefschnee einfach keinen Halt fanden, wo man sich stützen konnte. Der Schnee war aber echt geil smiley. So bleibt mir vor allem die Abfahrt zur Wasseralm in Erinnerung.


Knochen waren also schwer, die 250hm ging es den Wald wieder hoch bis wir zurück am Track und unserem nur zu erahnenden Weg waren. Noch kurz um 100hm den Track versehentlich überstiegen, als ich zu selbstsicher unserer alten Spur gefolgt bin und unsere Abzweigung weiter oben erwartete. Sorry Silvio, das war 1h die wir uns das nächste Mal sparen J. Wieder unten am Track angekommen(zuvor noch gleich wie am Vortag vom Rucksack überholt worden), ging es den Wald hoch bis zur blauen Lacke. ses Stück war, gefühlt, endlos. Es gab Schneewände und Täler vor uns, die nicht zu passieren waren. Wir mussten oft Minuten am nächsten Schritt bauen, im 2m Abstand dabei Kehren schlagen und so zwischen den Bäumen und Schneerinnen aufsteigen im Mühlebenwald, der uns ins Steinerne Meer und zu den Funtenseetauern führt. Ski ausziehen war nicht – dann war man bis zur Hüfte weg. Zwischendrin wechselte der Schnee wieder am Fuße der Nordseite des Neuhütter zum Felsen hin auf Harsch, mit einer frischen Rieselschneeablagerung. Der frische Schnee ist sofort vom Altschnee abgerutscht und der Harsch darunter musste mit mehreren festen Tritten gut beschlagen werden damit der Ski hält. Dank an meine Stöcke. se hatten hangseitig in umgedrehter Nutzung mit dem Griff nach unten den Dienst eines Wanderpickels aufgenommen und wurden tief geankert. Der andere Stock diente talseitig als Rutschsicherung wenn der Ski entglitt.

Ab der Langen Gasse wurden die Schneeverhältnisse angenehmer, obwohl die Erschöpfung zu Mittag schon spürbar war. Als wir die Rinne am oberen Schönfeld zu Beginn der Langen Gasse hinter uns hatten, wurde der Schnee auch härter und das Tempo stieg, auch ein gewisser Flow stellte sich ein.


Sonnenuntergang hatten wir den Funtenseetauern, den für heute höchsten Übergang passiert und sind - J das erste Mal am Felle abschnallen. Das Wetter war den ganzen Tag schon ein Traum, und das sich ergebende Panorama beim Sonnenuntergang die Belohnung für alles. Die kommenden geschätzten 900hm Abfahrt mit Ziel Kärlingerhaus konnten wir unseren Flow mitnehmen. Das Feuer in den Oberschenkeln kam von selbst dazu, so dass wir zwangsweise bei der Abfahrt ein paar Stopps machen mussten. Der Schnee war perfekt, und unsere Spuren die einzigen im Powder. Bei beginn der Dunkelheit hatten wir das Kärlingerhaus, unser heutiges Etappenziel erreicht. Wieder mit Stirnlampe in der letzten ½ Stunde. Achtlos führte uns der Zielgedanke geradewegs über den Funtensee, aber das Eis zu der Zeit ist satt dick.

Der Eingang zum Winterraum des Kärlingerhauses ergab eine Komödie für sich. Dunkel, Stirnlampen und erschöpft, das Gebäude ablaufend den Winterraum suchend, eine Türe in Richtung Keller gefunden, aber nicht einmal eine Schnalle war mehr zu sehen vor lauter Schnee. Freigraben! Die Lawinenschaufel hebt die ersten 10cm ab und dann prallt sie vom Eis ab. Nun mit dem Pickel weitergraben. Gerade mal die Klinke wurde frei und es ging dann nicht weiter. Unter großer Anstrengung waren weitere 10cm freigelegt. Wir gruben abwechselnd, immer mit etwas Abstand von der Türe entfernt um keine Schäden zu verursachen und so blieb an der Türe ein Schneerand stehen. Kaum weiter gekommen, aber schon gut lange dran, kam der aberwitzige Versuch die Klinke zu drücken und die Türe ging problemlos auf. Diese ist nämlich in der Mitte geteilt. Nur der Spalt war durch den von uns gelassenen Schneerand verdecktJ. Die letzte ½ Std. war also Fleißarbeit. Feuer machen, Schnee schmelzen, Essen und endlich schlafen.

24.Feb. Sa: Am nächsten Tag ging es wirklich gut. Anfangs noch Nebel am Funtensee, ab 10Uhr Sonne und T-Shirt. Perfekte Sicht und schöner Schnee, auch nicht zu hoch, ein stetiges vorankommen war gut möglich. Das Gelände und die Landschaft hier ist märchenhaft und gemütlich. Wir waren zu Mittag an der Hundstotscharte angekommen. Auf dem Tagesplan stand die Etappe Kärlingerhaus bis Wimbachgriesbrücke und im Nachhinein beurteilt, hätten wir dies auch bis zur Dunkelheit schaffen können. Wegen der aber erneuten Nebelblindheit unterhalb der Scharte, der Erlebnisse der Vortage und dem Wissen, was alles sein könnte im Hinterkopf, sowie der Gewissheit keine Routenerfahrung in der Etappe zu haben, hatten wir uns an der Scharte entschieden, nicht weiter zu gehen, obgleich es erst Mittag war. Wir wollten uns nicht schon wieder bis 9Uhr abends abrackern und durch Nebel und andere Asketen Umstände wurschteln, sondern hofften auf einen genussreichen Ausklang. Also Abfahrt zum Ingolstädter Haus, wo wir am Nachmittag auch die ersten anderen Tourengeher trafen, die aus Richtung Wimbachtal kamen.

 

25.Feb. So: Es war die richtige Entscheidung. Ausgeruht und gut genährt, vom vielen Schlaf des letzten Nachmittags und der Nacht, sind wir um 05.30Uhr fertig auf den Skiern gestanden. Mit Stirnlampe ging es zu unserer Spur zurück, hoch zur Hundstotscharte. Es war eisig kalt, -15/-20°C. Die Nacht sternenklar. Oben an der Scharte hatten wir einen vom Morgenrot getränkten Horizont mit einem glasklaren Panorama. Die Luft war so kalt und pur. Der Schnee knirschte richtig bei jedem Schritt. Unter all der wundervollen Schöpfung die uns in ihrer Mächtigkeit und Beharrlichkeit umgab, waren wir das einzige was nicht schlief. Wir blieben stehen und schwiegen demütig in der Schönheit des Augenblicks, so dass uns weit und breit nur Stille umgab. Das war für mich der schönste Moment der Tour.


Nach der Scharte am weiteren Weg kam ein recht „tot bringender“ harschiger Quergang zum Diesbacher Eck, über einen mäßig steilen Hang, sehr exponiert, mit geschätzt 250hm Sturztiefe. Es gab hier nun aber schon eine Spur, welcher wir bis zum Ende des Tages folgen konnten. Die Abfahrten zur Hochwies rauf auf die Kematenscheid und später den steilen Loferer Seilergraben hinab, hatten wir absolut sichere Schneeverhältnisse und bei traumhaften Sonnenschein. Gegen 10 Uhr waren wir an unserem Ziel, unserem Auto bei der Wimbachbrücke angekommen.


Auf dem Rückweg zu unserem Auto am Startpunkt, entschieden wir uns für den Windbeutelbaron an der Scharitz-Kehlstraße um den Abschluss unserer erfolgreichen Tour gebührend zu feiern. Hier hatten wir einen genussvollen Ausklang um die Eindrücke und Momente reflektieren zu lassen.
 

Silvio Koch, Joachim Gutschi

 

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