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Alpenverein Trier


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Tourenberichte

 

Elbrus Lenin Expedition 2013 (Teil 2)

Nach der erfolgreichen Elbrus Besteigung, welche eigentlich grundsätzlich zum Akklimatisierungszweck gedacht war, war die ganze Clique (Barbora, Chris, Jakub, Marc und Vivian) nun auf dem Weg nach Kirgistan um – wenn alles gut läuft – dem Himmel noch näher entgegen zu kommen.

Höhen- oder Expeditionsbergsteigen bleibt nach wie vor eine extreme aber auch beliebte Spielart des Bergsteigens. Der dritthöchste Berg der ehemaligen Sowjetunion – Pik Lenin (7143m) gilt als technisch leicht und war deshalb unsere Wahl. Diese Wahl war auch insofern optimal, da die Erwartungen der verschiedenen Gruppenmitglieder auseinander drifteten. Neben Jakub und Chris, die den Lenin als Bonus nach dem Elbrus ansahen und einfach nur schauen wollten, was machbar wäre, ging es den anderen Mitgliedern (Barbora, Marc und Vivian) einerseits um den Gipfelerfolg, aber besonders auch um das selbständige Planen und Führen in dieser Höhe. Ganz ohne logistische Unterstützung geht es vor Ort leider nicht, sodass wir mit einem lokalen Anbieter Transfers und Basislagerlogistik organisierten. Da wir besonders die zwei ersten Etappen zeitlich nicht mehrmals gehen und somit Materiallager anlegen konnten, entschieden wir uns, das gesamte Material auf Pferden bis zum vorgeschobenen Lager zu transportieren. Der Knackpunkt des Höhenbergsteigens liegt aber vor allem in den medizinischen Aspekten, da der Mensch in dieser Höhe nur eine geringe Zeit überleben kann – das Limit für einen Daueraufenthalt liegt bei ca. 5300m.  Ein fundiertes Wissen und entsprechende Ausrüstung sind ebenso wichtig wie eine optimale Höhentaktik, denn es gilt akute Höhenkrankheit sowie Hirn- und Lungenödeme zu vermeiden.

Blick vom Basislager auf das Ziel (rechtes Massiv.)

Der Transfer zum Basislager ab Osh dauerte acht Stunden mit einem geländetauglichen Kleinbus, da das letzte Stück im Pamir-Hochland über Pisten und durch Flussläufe führt. Im Schatten des schneebedeckten Pik Petrovsky‘s oberhalb eines kleinen Sees stehen fast 100 gelbe Doppelzelte mit Stromanschluss flankiert von (Solar-)Duschen, Waschgelegenheiten und einem großen Gemeinschaftszelt, in dem sich verschiedenste Nationalitäten zum Abendessen treffen. Die Nacht ist für alle angenehm, da die Schlafhöhe von 3800m mit unserer Vor-Akklimatisierung am Elbrus übereinstimmte.

Am nächsten Morgen trafen wir den Pferdemeister, einen gut genährten Kirgisen, der wie alle Steppenbewohner schon sehr asiatisch typisiert war. Wir verhandelten den Weitertransport  unserer Taschen und behielten nur unsere Tagesrucksäcke für die erste Etappe. Nach dem Frühstück brachen wir gemütlich auf in Richtung der weißen Gipfel, die in der Ferne glänzten. Der Weg führte uns erst an ein paar Jurten vorbei und durchquerte dann die grüne saftige Steppe. Die Zwiebelwiesen (nach ihrem Hauptgewächs benannt) ziehen sich bis zu den ersten steinernen Ausläufern des Massivs und enden abrupt. Danach wird das Gelände alpiner und der Pfad führt in ein enges Tal, wo die wenig scheuen Murmeltiere den regen Betrieb der Auf- und Absteiger beäugen! Nun folgt ein steiler Aufstieg durch eine aufgeweichte, lehmige Flanke, an deren Ende eine grandiose Sicht für die Mühe belohnt. Dort wo kein Schnee liegt, bilden rote, gelbe und grüne Ablagerungen ein exotisches Farbenspiel, flankiert von hohen Gipfeln und bedrohlichen Gletschern.  Wir überschreiten den Pass und folgen dem kleinen Pfad, der sich über Kilometer die Flanke entlang zieht. Immer wieder müssen wir berittenen Ansässigen ausweichen, die uns traditionsgemäß mit einem „Salam Aleikum“ begrüßen. Nach ein paar Aufstiegen wird das Gelände flacher und wir sind frohen Mutes, bald anzukommen, doch dann geht es wieder abwärts,  und wir stehen vor einem Gletscherabfluss, der nur schwer zu überwinden ist. Wir suchen nach geeigneten Stellen und werden nicht wirklich fündig. Während ein Teil es irgendwie schafft, nehmen Vivian und Barbora die Möglichkeit wahr, mit Reiter und Pferd überzusetzen. Eine halbe Stunde später kommt unser vorgeschobenes Lager (4400m) in Sicht, es ähnelt stark dem ersten. Dort angekommen werden wir eingewiesen und wir bekommen Zelte zugeteilt. Der Plan, am nächsten Tag auszuschlafen und tagsüber weiterzuziehen, würde nicht aufgehen, denn die Schneebrücken seien zu instabil, so hieß es. Wir planen unsere Taktik um und entscheiden, noch einen Tag auf dieser Höhe zu ruhen, dafür aber direkt beim nächsten Camp zu bleiben und nicht mehr hierher zu pendeln. Entsprechend brauchen wir mehr Material in der Höhe und wir heuern einen Träger an, uns bei dem Transport von zusätzlichem Essen, Gas und Gemeinschaftsausrüstung zu unterstützen. Auch so würde es eine Schlepperei sondergleichen werden!

Aufstieg mit schwerem Gep�ck zum H�henlager 2.

Der Ruhetag tat gut und wurde mit sortieren und optimieren des Materials, Erkundung der nahen Umgebung und schlafen verbracht. Alles, was wir nicht brauchen würden, konnten wir hier lassen, was leider wenig Einfluss auf das Gewicht unserer großen Rucksäcke hatte. Pünktlich um drei Uhr in der Nacht starteten wir. Erst galt es, auf die andere Talseite zu kommen, was nicht gerade einfach war, da der Gletscher überquert werden musste und man sehr schnell vom Weg wegkommt. Spuren gab es so gut wie keine und wie bahnten uns unseren Weg grob in die Richtung, wo der Aufstieg begann. Nach einiger Zeit konnten wir Lichter ausmachen und erreichten schließlich trotz kniffliger Wegführung die andere Seite. Die Trasse des Aufstiegs ist eindeutig und wir verzichten auf Seile. Die Schneebrücken sind festgefroren und an kritischen Stellen mit Fixseilen gesichert. Langsam wird es hell und wir mühen uns zusammen mit vielen anderen Bergsteigern den Hang hinauf. Es dauert Stunden bis das Gelände flacher wird und zum vorgeschobenen Camp 2 (5300m) abbiegt. Die Sonne lässt die Temperaturen unerträglich werden und das Atmen fällt schwer. Endlich kommt das Lager in Sicht; eigentlich sind es zwei, ein unteres und ein oberes. Wir ziehen letzteres vor. Später erzählen uns Tschechen, dass die unteren Zelte alle auf Spalten stehen. Endlich angekommen beziehen Chris und Jakub ihr vorgemietetes Zelt, während der Rest eine Plattform schaufelt, um ihr Zelt aufzustellen. Nahe der Erschöpfung wird schnell Tütennahrung aufgegossen und jeder fällt in den wohlverdienten Schlaf. Wir starten recht gemütlich in den nächsten Morgen, der Schlaf hat gut getan und alle sind soweit wieder regeneriert. Nach dem Frühstücksmüsli aus der Tüte suchen wir unsere Sachen zusammen, um einen Ausflug in das nächsthöhere Camp zu wagen. Vor allen Dingen ist Schnee schmelzen angesagt, und wir versuchen ein unberührtes Schneefeld zu finden. Die Sonne steht schon hoch, als wir endlich starten. Der Hang, an dem unsere Zelte stehen, ist äußerst steil und die Spur unbrauchbar. Trotz dieser Höhe ist unsere Kondition gut und wir testen unsere Fähigkeiten, indem wir mit Erfolg Gas geben. Fortgesetzt wird diese Flanke durch ein ansteigendes Plateau, welches sehr schöne Einblicke Richtung Talseite ermöglicht. Als der Weg nun flach wird und der Rest der Strecke gut einzusehen ist, machen wir eine gemütliche Rast und sammeln uns. Vor uns lag ein Wind gepeitschter Kamm, gefolgt von einer langen, mühseligen Flanke, welche auch gerne Todeshang genannt wird. Der Aufstieg in 6000 m Höhe ist anstrengend und atemberaubend! Zehn Meter gehen, Pause, atmen, zehn Meter gehen… Langsam schrauben wir uns hoch, passieren ab und zu andere Bergsteiger, in deren Augen wir dieselbe Frage ablesen können, die wir uns auch stellen: was tun wir eigentlich hier? Ein Russischer Bergführer kommt uns entgegen: „Ten Minutes to Summit“ – wir hoffen, dass er uns nicht nur motivieren wollte, aber es stimmt. Kurze Zeit später wurde das Gelände flacher und Zelte kamen in Sicht. Zwei stämmige Einheimische winkten uns zu, wir sollen uns zu ihnen gesellen. Sie hatten am Vortag den Gipfel erreicht und kochten Tee für alle erschöpften Neuankömmlinge, eine schöne Geste, die wir dankend annahmen. Unser erstes Ziel war erreicht, denn dieses letzte Lager lag auf dem Gipfel des Pik Razdelnaja (6148m). Hier verlief auch die Grenze zu Tadschikistan, die wir unerlaubt passierten und wofür wir mit einem Blick auf die wohl beeindruckendsten Gipfel unserer Bergsteigerkarriere belohnt wurden. Wir konnten ebenfalls die Route zum Gipfel ausmachen, welche erst einmal mit einem Abstieg von 150 Höhenmeter begann, um dann weit über den Bergrücken zu verlaufen, kein motivierender Anblick. Der Abstieg war weitaus schneller, besonders da der Hunger uns trieb, wir versuchten nicht daran zu denken, dass wir noch einmal mit der schweren Rucksäcken hier hoch werden laufen müssen, doch das war ein Problem der nächsten Tage, jetzt gab es erst einmal einen Leckere Suppe! Im Zelt angekommen, wurden wir von einem Deo-Geruch empfangen. Nach näherer Untersuchung war eine Dose einfach explodiert, denn die Sonne hatte das Zelt in einen Ofen verwandelt. Als Ausgleich dazu wurden wir später in der Nacht tiefgekühlt, doch das große Frieren blieb dank molliger Daunenschlafsäcke aus.

Mit den ersten Sonnenstrahlen taute auch die Eisschicht im Inneren des Zeltes und wir räumten zügig das Zelt, um nicht alles zu durchnässen. Wir breiteten einen Biwaksack aus und setzten uns mit einem warmen Tee in der Hand in die Morgensonne. Nachdem ein Neuankömmling die Latrinen ignoriert hatte und vor aller Augen zusammengestaucht wurde, beobachteten wir das rege Treiben im Lager. Auch wenn vorwiegend Russen unterwegs waren, war das Publikum international und die meisten Bergsteiger sehr freundlich. Der Ruhetag tat gut und wir setzten alles daran, unsere Energiespeicher wieder aufzufüllen. Viel gab es nicht zu tun und wir optimierten schon einmal unsere Rucksäcke für den Aufstieg.

Am nächsten Morgen ersetzten Schokoriegel das Schleim-Müsli, das wir nicht mehr sehen konnten. Wir packten das Notwendigste zusammen. Notwendig klingt irgendwie nach nicht viel, doch in diesem Fall geht es um einen Aufstieg bei Nacht, wo die Temperaturen gerne einmal mit Windchill -45 Grad im Sommer erreichen… Entsprechend waren die Rucksäcke nicht viel leichter als sonst. Nach dem ersten Aufschwung holten wir Chris ein, der zusammen im Team mit Jakub vorgegangen war. Ersterer hatte massive Magenprobleme und musste absteigen. Trotz Gepäck kamen wir gut voran und selbst der Todeshang lief besser als das erste Mal. Einmal im Lager angekommen fing das mühselige Schneeschmelzen an. Leider waren unsere Kocher suboptimal für diese Höhe, so dass sie beim geringsten Windstoß ausfielen. Wasser zum Kochen, Wasser zum Trinken, Wasser für den nächsten Tag… uns lief die Zeit davon. Erst in der Nacht hatten wir alles soweit bereit.  Ziemlich erschöpft legten wir uns in unsere Zelte. Als dann endlich der Schlaf kam und der Körper die Atmung runterfuhr, signalisierte das Hirn: zu wenig Sauerstoff! Man nickt ein, ist kurz weg und wird unmittelbar danach mit einem Erstickungsgefühl aus dem Schlaf gerissen und hyperventiliert erst mal für zwei Minuten, bis wieder genug Sauerstoff im Blut ist. Das Spiel ging die ganze Nacht so…! Um drei Uhr starteten wir in die Nacht. Es war relativ warm, vielleicht – 15 Grad, weniger auf keinen Fall, nur der Blizzard verstärkte das Kältegefühl. Erst einmal absteigen, ich bin jetzt schon fertig, dann den Berg hoch, wir sind langsam. Wir machen eine Pause, ein - zwei Seilschaften ziehen an uns vorbei. Wir gehen weiter, dann noch eine Pause. Barbora übernimmt die Führung und legt ein gutes Tempo vor, zu gut, Heute ist ihr Tag, nicht meiner! Wir wägen unsere Optionen ab; es sind genug Leute unterwegs, wir geben Barbora zusätzlichen Tee, Motivation und schicken sie solo weiter, während Marc und ich abbrechen. Wir wärmen uns in unseren Schlafsäcken wieder auf und kriechen erst nach Sonnenaufgang aus den Zelten raus. Es beginnt das lange Warten. Wir vertreiben uns die Zeit, so gut es geht und beginnen die Logistik vorzubereiten, denn wir wollen unbedingt noch zum tieferen Camp absteigen. Nachmittags fangen wir an, den Berg zu beobachten, immer wieder konnten wir kleine schwarze Punkte ausmachen, die nun auf dem Rückweg waren. Die ersten erfolgreichen Bergsteiger kamen langsam im Camp an und nach einer Weile konnten wir einen einzelnen Punkt ausmachen, der den Hang runterschoss – das konnte nur Barbora sein! Ich lief ihr entgegen, denn der Gegenanstieg zum Schluss würde zermürbend sein. Erschöpft, aber überglücklich übergab sie mir ihren Rucksack und wir meisterten gemeinsam das letzte Stück. Jetzt erst einmal rasten aber dann auch recht zügig weiter, um nicht von der kalten Nacht überrascht zu werden…

Vivian,
 Barbora und Marc auf 5300m.

Aufbruchsstimmung am nächsten Morgen, wir verschenken unsere Fertig-Nahrung an lokale Bergführer, die sich riesig freuen. Die Rucksäcke sind schwer, denn wir bringen unseren gesamten Müll wieder runter… leider keine Selbstverständlichkeit. Der Abstieg geht gut von dannen, doch die Temperaturen sind viel zu hoch. Bei den Spalten wird es kritisch, die Schneebrücken halten gerade noch, wir springen wenn möglich. Endlich stehen wir wieder auf der Moräne, überall läuft Wasser und der Weg zum Camp ist lang. Dort angekommen ruhen wir uns aus und befriedigen unseren Drang nach zuckerhaltigen Importgetränken! Später am Tag kommt die Nachricht, dass Auf- und Abstieg nicht mehr möglich seien; die Schneebrücken waren restlos zusammengebrochen – man spielte mit dem Gedanken, Holzstege zu installieren. Wir hatten noch mal Glück gehabt, und als wir bei ein paar Vodka's den Erfolg feierten, brach am Berg ein Sturm los, der einen halben Meter Neuschnee brachte…

Der letzte Teil des Abstiegs war dann gefühlt nur noch eine Formalität, was man vom Trinken mit den Tschechen danach nicht behaupten kann… 

 

Barbora Orlikova und Vivian Boyer

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