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Alpenverein Trier


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Tourenberichte

 

"Weiße Flecken" zwischen Julier und Poschiavo

Nachdem wir mittlerweile zu den Oberengadiner Stammgästen gehören und dort im Lauf der Jahre viele (markierte) Wege gegangen sind, die in die erste Wanderkarte eingezeichnet wurden, die wir uns 1999 gekauft hatten, fiel irgendwann auf, dass es zwischen unseren Wegen große „Löcher“ gibt: Gebiete, durch die keine oder nur sehr wenig markierte Wege führen, zum Beispiel „hinter“ den markierten 3000ern Piz Julier und Piz Languard oder zwischen Pontresina und dem Val da Camp. Bisweilen hatten wir daran „gekratzt“: auf den langen Hatschern von Spinas über die Jenatschhütte zum Julierpass oder von der Alp Languard über Furcola Pischa, Furcola Tschüffer, Furcola Prünella und durchs Val Chamuera hinunter nach La Punt oder bei unseren Hüttentagen im Val da Camp.

 

Und dann kauft man sich im Lauf der Jahre immer mal einen neuen Führer, wirft in andere einen Blick hinein – und stößt auf Touren mitten in diese „weißen“ Flecken hinein. Irgendwann tastet man sich vorsichtig hinein und stellt fest, dass es nicht an den Schwierigkeiten liegt, dass es trotzdem Wandergelände ist, dass es dort zwar keine offiziell markierten Wege gibt, wohl aber viele Steige, Steigspuren und immer wieder auch Steinmännchen. Dann stößt man im Internet auf Beschreibungen und Fotos von solchen Touren – und fängt selbst an zu planen …

 

Sommer 2012

Den ersten Versuch starteten wir im Sommer 2012. Hier mussten meine Kondition und Achillessehne mit der Kondition und den Kletterfähigkeiten der mittlerweile herangewachsenen Jungs unter einen Hut gebracht werden. Es sollte also etwas mit „Niveau“ sein, aber nicht zu lang, kein zu langer Anstieg, aber ein toller Gipfel, möglichst ein 3000er, wenn möglich eine Überschreitung, möglichst kein Abstieg in unbekanntes Gelände und dann noch ein lohnendes Ziel.

Blick vom Piz Ursera nach Norden auf den Aufstiegweg

Die Wahl fiel auf den Piz Ursera zwischen der Furcola di Livigno und dem Val da Camp. Der liegt immerhin 32 m über der magischen Marke, verspricht eine tolle Aussicht, von der Furcola di Livigno aus sind es nur etwa 700 m Aufstieg, der größte Teil des Abstieges war mir von einer Art Testtour bereits bekannt und mit der Alpe Campo verbinden wir seit unseren Hüttentagen angenehme Erinnerungen. Das Val da Camp mit seinen Seen ist für uns so eine Art „Shangri La“ geworden – wer noch nie da war: es lohnt sich wirklich. Und schließlich versprach der Piz Ursera mit dem Anstieg über den Nordgrad im T4+ einen Einstieg in einen neuen Bereich des Bergwanderns und den Jungs eine interessante Tour. Vom Piz Trovat, den wir ein paar Tage vorher über den Klettersteig erreicht hatten, konnten wir uns den Aufstieg schon einmal aus der Distanz ansehen.

Der Nordgrat von der Scharte aus

Für unseren treuen Engadin-Begleiter Andreas war das aber leider eine Nummer zu groß. Er ging von La Rösa aus zur Alpe Campo, kam uns dann durch das Val Mera entgegen und wurde in Sachen 3000er auf 2013 vertröstet.

 

 

Das Taxi Mama brachte uns von Sils-Baselgia hinauf zur Furcola di Livigno (und Andreas hinunter nach La Rösa).

Auf italienischer Seite folgten wir dem markierten Steig ins Val Orsera hinauf. Dieses Tälchen läuft auf etwa 2600 m in einer Art Plateau westlich des Piz Ursera aus, wo wir wieder die Grenze zur Schweiz überquerten. Der Grenzverlauf ist deutlich mit Grenzsteinen markiert. Bereits von hier aus hat man die Berninagruppe mit Piz Palü und Piz Bernina im Blick.

Gambrena,
 Piz Pal� und Piz Bernina mit dem Biancograt

Hier enden aber auch die Farbmarkierungen. Bei gutem Wetter ist die Orientierung allerdings einfach. Wir hielten uns genau nach Osten und stiegen zunächst über einen Grashang auf. Orientierungspunkt war die markante Scharte, an der der Nordgrat des Piz Ursera ansetzt. Steigspuren und Steinmännchen erleichterten die Orientierung erheblich; zwei Pärchen auf der gleichen Route, die auf der Bündner Grenztour waren, boten moralische Unterstützung.

Corn da Camp (rechts) und Piz Paradisin (Mitte)

Dieser Grashang war das „schwierigste“ Stück des Weges, es gab leichte Motivationsprobleme beim Kleinsten. Den anschließenden aussichtsreichen Rastplatz bei einem markanten Boulder auf ca. 2800 m hatten leider schon Ziegen (oder Steinböcke?) entdeckt und eine ganze Menge geruchsintensiver Andenken hinterlassen. Also direkt weiter über eine schrofige Rippe hinauf auf eine Moräne (Blockgletscher?), der wir nach links zum Schlussanstieg zur Scharte folgten. Das letzte Stück zur Scharte war unangenehm unsicherer Schutt, aber beim Blick auf den Nordgrat und das kleine Gipfelkreuz des Ursera waren alle Motivationsprobleme erledigt. Wir folgten dem Grat auf der Ostseite, knapp unter der Schneide. Hier hatten wir meist festen Fels unter den Füssen und den Händen. Und hier wurde auch klar, warum die Tour mit T4+ eingestuft ist. Es war schon fast Kletterei - und die Blicke vom Grat hinunter schon recht eindrucksvoll.

R�ckblick vom S�dgrat zum Gipfel

Das war dann der erste „richtige“ 3000er, den die Jungs aus eigener Kraft erreicht hatten. Das Wetter war perfekt, die Laune und die Aussicht auch: Bernina, Livignoalpen, Poschiavo, Bergamesker Alpen, Ortlergruppe, …

 

Für den Abstieg war die grobe Orientierung einfach: dem Südgrat über mehrere Gratköpfe und Scharten hinunter bis zum tiefsten Punkt, der Furcola da Cardan, folgen. Der erste Teil bis zur markanten Scharte bei 2900 m führte allerdings zum größten Teil über Blockgelände. Hier war das Gehen und vor allem die Feinorientierung etwas schwieriger.

Blick durch das Val Mera ins Val da Camp mit dem Lagh da Saoseo

Von P. 2904 aus hatten wir die beste Aussicht hinunter ins Poschiavo und das Val da Camp mit dem Lagh da Saoseo. Von dort aus war mir der Abstieg auch schon bekannt. An der Furcola di Cardan verließen wir den Grat und folgten der Tiefenlinie nach NE hinunter in Richtung Val Mera. Kurz vor P. 2588 ging es etwas nach rechts durch einen Einschnitt zwischen zwei Grasbuckeln hindurch und leicht rechts haltend hinunter zu einem kleinen See bei P. 2514. Von dort stiegen wir zunächst über eine Grasrippe, dann etwas links haltend über einen Grashang hinunter zum Plan da Val Mera, den wir kurz oberhalb einer markanten Blockhalde erreichten. Hier herauf waren wir schon mehrmals von der Alpe Campo aus gekommen, hatten im eiskalten Bach gespielt, auf den Blöcken geturnt, die Ebene erkundet, … . Und hier kam uns dann auch Andreas entgegen.

Plan da Val Mera: wieder ein markierter Steig

Der Rest ist Val-da-Camp-Standard-Programm: Abstieg über den markierten Steig zur Alpe Campo, Kaffee und Kuchen auf der Terrasse, Fahrt mit dem kleinen Postbus hinunter nach Sfazu an der Berninastrasse, mit dem richtigen Postbus inklusive Hornsignal hinauf zum Pass, mit der Berninabahn über Pontresina nach St. Moritz und mit dem normalen Bus zurück nach Sils-Baselgia - auch das immer wieder ein Erlebnis.

Das obere Val da Camp mit dem Lagh da Val Viola

 

 

Sommer 2013

Ein gutes Jahr später bringt uns der Postbus hinauf zum Julierpass, wieder perfektes Wetter. Ziel ist der Piz Surgonda, 3196 m, ungefähr 4 ½ km nördlich des Passes. Wir hatten den Berg mit seinen italienischen Farben – grün, weiß und rot - schon in der Woche vorher beim Abstieg vom Lunghin lange vor Augen. Der einzige markierte Weg in diesem Bereich ist der Steig vom Julierpass über die Furcola d'Angel zur Jenatschhütte, den wir für den Abstieg nehmen wollen. Bis dahin wird es allerdings keine Markierungen geben. Problematisch kann es auf dieser Tour deshalb bei schlechter Sicht werden, dann wird es schwierig mit der Orientierung. Die Tour ist aber mit T3+ deutlich leichter und damit auch für Andreas machbar; allerdings für Dominik nicht interessant genug: zu viel Latscherei, keine Kletterstellen, … . Das wollte er sich nach der langen Tour von Plaun da Lej am Silsersee über den Piz Lunghin nach Bivio nicht antun.

Die Route von Westen

Wir starten unmittelbar am Julierhospiz. Erstes Zwischenziel ist die Furcola Alva nordöstlich des Corn Alv. Neben der Betongarage markiert der Wegweiser ins Val d'Agnel den „Einstieg“. Nachdem wir einige kleine Kuppen hinter uns gelassen haben, führt der Steig am Osthang in Richtung Val d'Agnel. Halbrechts am Grashang sehen wir bereits den Steig, der uns wie in der Karte eingezeichnet in einigen Serpentinen in das namenlose Tal östlich des Corn Alv führen soll. In den folgenden Schrofen nehmen wir einen unmarkierten Steig, der halbrechts ohne Höhenverlust ins Val d'Agnel führt. Kurz nachdem wir den kleinen Bach überschritten haben, geht es scharf rechts ab und in Serpentinen den Grashang (orografisch) rechts des Baches hinauf. Und die Schweizer Karte ist mal wieder sehr genau: bei der dritten Bachberührung (ca. 2440 m) überqueren wir den Bach und steigen in einem kleinen Linksbogen aufwärts in das namenlose Tal hinein. Auch hier ist der Pfad nicht zu übersehen. Ein einzelner Wanderer, der zum Piz Traunter Ovas will, überholt uns. Am Talschluss geht es etwas steiler hinauf zur Furcola Alva. Oben wird der Blick frei auf eine Art Mondlandschaft: keine Vegetation, kein Bach zu sehen. Dafür aber jede Menge Steine, Steine in allen möglichen Farben: weiß, gelb, ocker, rot, braun, schwarz, … Und dazu schon eine tolle Sicht.

Im namenlosen T�lchen �stlich des Corn Alv

Nun gilt es, den Verbindungsgrat zwischen Piz Surgonda und Corn Alv an seiner tiefsten Stelle, bei P. 2865 in der Scharte nördlich des Corn Alv, zu erreichen. Dazu folgen wir dem Kamm, der von der Furcola Alva nach Westen zieht. Den letzten, felsigen Kopf umgehen wir ohne großen Höhenverlust rechts (nördlich) und steigen zum Sattel auf, an dem unser Kamm am Surgonda-Grat ansetzt. Von hier aus ist es nur noch eine kurze Querung nach links hinüber zu P. 2865.

�Steinw�ste� oberhalb der Furcola Alva

Im Prinzip ist es jetzt ganz einfach: man folgt dem Grat nach Norden bis auf eine Höhe von etwa 2960 m. Irgendwie haben wir aber nicht den richtigen „Einstieg“ gefunden. Wir stoßen erst weiter oben auf die ersten Steinmännchen. Allerdings entpuppt sich auch dieser „Grat“ eher als ein runder Rücken.

Bei etwa 2960 m stehen wir vor dem großen Aufschwung hinauf zu P. 3160. Da auch der direkte Anstieg über den Grat recht bröselig aussieht, umgehen wir diesen Punkt auf den Steigspuren im Schutthang auf der Westseite und erreichen den Gipfelgrat dann bei der letzten Einsattelung. Der Hang ist nicht gerade stabil, dieser Teil ist wie erwartet das unangenehmste Stück der ganzen Tour. W�stenwandern

Von dieser Einsattelung aus öffnet sich zum ersten Mal der Blick nach Norden. Einen knappen Kilometer weiter sehen wir den einsamen Wanderer im Schlussanstieg zum Piz Traunter Ovas. Über Schutt ansteigend folgen wir dem Grat weiter nach Westen und erreichen ohne Probleme unseren Gipfel.

 

Wir sind an diesem Tag wirklich die einzigen hier oben. Die Sicht ist perfekt: im Norden der Piz Kesch, im Südosten, durch den Piz Julier nur leicht verdeckt, die Berninagruppe, im Süden die Bergeller Berge und im Südwesten und Westen ??? - viele Fragezeichen, Berge, die wir nicht kennen, und keinen Peakfinder auf dem Handy.

Gipfelblick 1

Beim Abstieg geht es zuerst einmal auf dem gleichen Weg hinunter. Die Querung im lockeren Geröll bringen wir besser als befürchtet hinter uns. Dann folgen wir den Steinmännchen, behalten aber gleichzeitig eine Geländerippe im Auge, über die wir nach rechts (Westen) ins obere Val d'Agnel absteigen wollen. Bei etwa 2920 m stoßen wir mitten in der Einöde auf „Kunst am Berg“, einen Steinkreis in gelb und schwarz. Hier hat sich jemand echt Mühe gegeben.

Da der direkte Abstieg auf unsere Geländerippe wieder nicht ganz Vertrauen erweckend aussieht steigen wir noch etwas weiter am Grat und dann erst in einem Rechtsbogen am Hang entlang ab. Einige Steinmännchen bestätigen uns, dass das wohl die richtige Wahl war. Der restliche Abstieg über die Geländerippe ist einfach, nur manchmal etwas unangenehm steil und rutschig. Bei etwa 2750 m erreichen wir den Talboden und gehen in einem leichten Bogen ohne weiteren Höhenverlust hinüber auf die andere Talseite, wo wir auf den markierten Steig treffen, der von der Furcola d'Agnel herunterkommt und talauswärts zum Julierpass führt.

Kunst am Berg

Da sich das Val d'Agnel nach Süden öffnet, bleibt die Aussicht phantastisch. Vor uns die Bergeller Berge, Piz Lagrev, Leg Grevasalvas, links von uns die „Dolomiten“ mit dem Corn Alv – Anselm hält nach guten „Linien“ Ausschau, rechts taucht irgendwann ein Felsentor, das Wahrzeichen des Parc d'Ela, auf, …. Und dazu der „Verkehr“ von und zur Jenatschhütte mit Seilen, Pickeln, Steigeisen. Es ist Wochenende, daran denkt man als Urlauber nicht.

 

An der letzten Gefällstufe verlassen wir den markierten Steig nach links. Hier führt der unmarkierte Pfad, den wir schon beim Aufstieg ein kurzes Stück gegangen sind, am Osthang des Val d'Agnel ohne Höhenverlust hinüber zum Julierhospiz.

Auf markierten Wegen Abstieg durch das Val d�Agnel

Und dort gibt es doch noch eine kleine, unangenehme Überraschung: das Hospiz ist geschlossen, ein neuer Pächter wird gesucht, die Trinkflaschen sind fast leer, die Essensvorräte aufgebraucht, und der Bus fährt erst in einer guten Stunde. Also doch noch einmal Taxi Mama …

 

… und mal wieder die leise Frage im Hinterkopf: wohin im nächsten Jahr?

 

Alwin Geimer, Wilwerwiltz/Lux

 

 

Führer:

DEUBLE, Peter (2008): Engadin und Mittelbünden. 50 Gipfeltouren und Höhenwege. - München

Volken, Marco, Kundert, Remo (2007): Alpinwandern Südbünden. Engadin Münstair Puschlav Bergell Misox. - SAC

Joss, Sabine und Fredy (2010): Engadin. Gipfelziele zwischen Samnaun und Bergell. - SAC

 

Internet: www.hikr.org

 

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